Mittelformat-SLR: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 3. Oktober 2009, 14:04 Uhr

Die Mittelformat-Spiegelreflexkameras arbeiten mit Formaten von 4,5x6 cm und 6x8 cm, dem Mittelformat Hinweis: Der Inhalt dieser Seite stammt ursprünglich von Patrick Rudin und wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Welche Ausstattung ist sinnvoll, welche Features sind überflüssig?

Im Kleinbildbereich heisst "Systemkamera" meistens, dass die Objektive wechselbar sind und ein Blitzgerät aufgesteckt werden kann. Im Mittelformat bedeutet "System", dass rund um den Spiegelkasten alles an- und abbaubar ist. Also hinten verschiedene Rückteile, oben der Sucher, vorne das Objektiv, unten der Motor und seitlich eine Kurbel oder ein Handgriff.

Manches davon ist sinnvoll, manches nicht - das hängt aber immer von den genauen Anforderungen ab, die jemand an eine Kamera stellt. Diese Seite soll daher dabei helfen, für sich selber die richtige Ausstattung und damit die "perfekte" Kamera zu finden. Die Pros und Contras sind jeweils genannt, Entscheiden muss jeder selber. Wer ältere Kameras oder Zubehörteile kauft, sollte immer zuerst abklären, ob das Zeug auch an ein neueres Modell passt (und wenn es passt, ob es dort auch funktioniert). Einige Marken sind nämlich bei der Modellpflege vorbildlich, andere weniger. Doch nun hinein in die Materialschlacht:

Belichtungsmessung, Nachführmessung und Automatiken

Viele Mittelformat-Kameras verfügen in der Grundausstattung über keine eingebaute Messung. Wer also TTL-Messung ("trough-the-lens") möchte, muss meistens ein zusätzliches Messprisma kaufen. Davon zeigen einige lediglich die Helligkeit bei Offenblende an, andere sind mit dem Objektiv und Zeitenrad gekuppelt und erlauben so den Belichtungsabgleich ("Nachführmessung"). AE-Prismen ("Auto Exposure") entscheiden bei vorgewählter Blende selber über die passende Belichtungszeit und erlauben so Zeitautomatik. Dazu gibt es meistens auch einen Belichtungsspeicher ("AE-lock") sowie einen Knopf für die Belichtungskorrektur. Weitere Features wie Programm- oder Blendenautomatik sowie automatische Belichtungsreihen bieten nur die Modelle der obersten Preisklasse an.

Wieviel Automatik ist nun nötig? Wer mit Stativ und Lichtschacht die Landschaften einfängt, hat meistens genug Zeit für eine Messung mit dem Handbelichtungsmesser. Das erlaubt ihm beispielsweise je nach Motiv die Lichtmessung oder das komfortable Ausmessen des Kontrastumfanges mit einem Spotmeter. Wer damit einmal anfängt, bemerkt auch sehr rasch, dass sich die Helligkeit draussen meistens gar nicht so schnell ändert. Es kann dann finanziell durchaus Sinn machen, in eine günstigere Kamera ohne jegliche Messfunktionen zu investieren und dafür etwas Geld in einen Handbelichtungsmesser zu stecken. Auch im Studiobereich ist ein Handbeli mit Blitzmessung nützlicher als jegliche in der Kamera eingebauten Messfunktionen.

Andererseits kann die Messung in der Kamera selber durchaus komfortabel sein. Wer mit grossem Teleobjektiv und Einbein durch den Prismensucher blickt und mit dem Scharfstellen eines bewegten Objektes beschäftigt ist, mag die Sucheranzeigen mitsamt Zeitautomatik durchaus schätzen. Hilfreich ist ein eingebauter Beli sicher bei schnell wechselnden Belichtungssituationen. Belichtungsreihen sind bei Diafotografen sehr beliebt, da Diafilm genauer als Negativfilm belichtet werden muss. Allerdings stehen pro Film deutlich weniger Bilder als im Kleinbildbereich zur Verfügung - Selbstbeschränkung nützt also auch hier.

Bei Kameras mit Wechselmagazinen sollte man immer zuerst abklären, ob das Rückteil die Filmempfindlichkeit an das Prisma überträgt. Sonst wechselt man im hektischen Moment den Film, ohne die ASA-Einstellung zu ändern - und schon belichtet man den neuen Film falsch. Das gleiche passiert natürlich auch, wenn man vergisst, die Empfindlichkeits-Einstellung am externen Handbeli zu ändern. So oder so ist das ganze also eine Frage der persönlichen Arbeitsweise. Fotografen, die gerne Kontrastfilter für Schwarzweiss verwenden, schwören oft auf die "sichere" TTL-Messung - weil diese automatisch eventuelle Verlängerungsfaktoren einbezieht. Dazu muss man allerdings wissen, dass Messzellen nicht auf jede Farbe gleich empfindlich reagieren - ein zwei Blenden schluckender Rotfilter wird dann beispielsweise nur mit einer Blende korrigiert. Auf der sicheren Seite ist man immer mit einem Handbeli - vorausgesetzt, man denkt jeweils an die Eingabe des Korrekturfaktors.

Zentral- oder Schlitzverschluss?

Ein wichtiger Punkt - meistens schon das Haupt-Killerkriterium für bestimmte Kameramarken. Im Kleinbildbereich haben sich Schlitzverschlüsse durchgesetzt. Diese funktionieren ähnlich wie ein grosser Vorhang in einem Theater: Der Vorhang wird aufgezogen, ein zweiter Vorhang hinterher in der selben Richtung zugezogen. Aus physikalischen Gründen braucht ein solcher Vorhang immer eine gewisse Zeit, bis er vollständig von links nach rechts durchgezogen ist. Schnellere Verschlusszeiten erreicht man dadurch, indem man den zweiten Vorhang schon starten lässt, wenn der erste noch gar nicht ganz offen ist. So funktionieren heute die meisten modernen Kleinbildkameras.

Probleme ergibt diese Technik, wenn man bei kurzen Zeiten blitzen will - man möchte ja nicht nur einen kleinen Ausschnitt (der zwischen den Vorhängen verbleibt) erhellen. So bleibt Blitzen auf die Verschlusszeiten beschränkt, bei denen mindestens für einen Augenblick der erste Vorhang offen ist und der zweite noch nicht gestartet ist. Diese Zeit nennt man Offenzeit oder eben auch Blitzsynchronzeit ("X-Sync"). Im Kleinbildbereich ist das derzeit bei den meisten Kameras 1/125s, im Mittelformatbereich wegen des grösseren Verschlussvorhanges meistens 1/60s.

Das kann nun Probleme geben, wenn man bei hellem Tageslicht mit dem Blitz noch leicht aufhellen will - etwa bei Offenblende für schöne Hintergrundunschärfen. Dann ist die Zeit von 1/60s viel zu lang, und abblenden würde wegen der Schärfentiefe die Bildwirkung verändern. Entweder verzichtet man nun auf den Blitz, oder man verwendet ein Zentralverschlussobjektiv. Wie der Name schon sagt, sitzt der Verschluss dabei im Objektiv selber. Ähnlich wie bei der Irisblende werden dabei blitzschnell Lamellen bewegt, so kann auch bei 1/500s das Bild mit dem Blitz belichtet werden. Es gibt nun zwei Varianten:

Reine Zentralverschlusssysteme bestehen aus einer Kamera, die selber keinen Verschluss eingebaut hat. Nur die Objektive haben einen Zentralverschluss. Man kann bei jeder Verschlusszeit blitzen, kann aber auch nur Zentralverschlussoptiken verwenden. Fremdadaptionen (etwa Vergrösserungsobjektive am Balgen oder Fremdshifts) sind nicht oder nur umständlich möglich.

Viele Schlitzverschlusskameras haben auch ein oder zwei Zentralverschlussobjektive (meist Porträtbrennweiten) im Angebot, die benutzt werden können. So kann wahlweise der Schlitzverschluss der Kamera mit den "normalen" Objektiven (sowie mit Fremdadaptionen) benutzt werden, die Blitzsynchronzeit beträgt dann 1/30s. Oder man setzt das ZV-Objektiv an die Kamera und kann dann auch bei kürzeren Zeiten (bis 1/500s) aufhellblitzen.

Man sollte sich gut überlegen, wie oft man blitzen will. Wer im Studio mit Mittelformat arbeiten will, wird sich über eine Synchronzeit von 1/60s schnell ärgern. Für offzielle Hochzeitsfotografen sind Zentralverschlussoptiken ein "muss", damit sie an grauen Tagen mit dem Blitz noch etwas Brillanz in die Aufnahmen hineinzaubern können. Ein weiterer Vorteil von Zentralverschlusssystemen ist die geringe Erschütterung beim Auslösen. Die Gefahr von Verwacklern liegt bei Schlitzverschlusssystemen höher. Wohlbemerkt: Für knackscharfe Bilder empfiehlt sich nebst Zentralverschluss auch die Benutzung von Spiegelvorauslösung und Stativ. Ausserdem löst ein Zentralverschluss-Objektiv auch flüsterleise aus, im Gegensatz zum deutlich hörbaren Rattern der Schlitzverschlusskameras.

Wer hingegen gerne Bastellösungen oder Fremdobjektive wie günstige Russenshifts adaptieren will, ist mit einem Schlitzverschluss in der Kamera besser beraten. Diese erreichen auch kürzere Zeiten (1/1000s, 1/2000s, wenige 1/4000s - allerdings braucht man solche Zeiten sehr selten), während Zentralverschlüsse die 1/500s als kürzeste Zeit kennen (Ausnahme: Rollei PQS-Objektive können mit einigen 6000er-Modellen bis zu 1/1000s). Auch sind Objektive ohne Zentralverschluss meistens lichtstärker. Wem die Porträtbrennweite zum Aufhellblitzen reicht, kauft zum Schlitzverschlusssystem einfach ein ZV-Objektiv. Allerdings muss man dazu sagen, dass bei einigen Systemen die Belichtungsmessung mit solchen ZV-Objektiven nicht möglich ist oder die Bedienung sehr umständlich erfolgt. Letzlich ist es auch eine Preisfrage: Zentralverschlussobjektive sind generell deutlich teurer als Objektive ohne eingebauten Verschluss.

Über die Zuverlässigkeit wird gestritten. Sicher ist aber, dass ein Verschluss nach spätestens 10 Jahren sowieso revidiert werden sollte. Gebrauchtkäufer sollten gerade bei älteren Geräten zuerst den Verschluss durchchecken lassen, unabhängig von der Verschlussart. Sicher ist, dass elektronisch gesteuerte Verschlüsse genauer ablaufen als mechanisch gesteuerte. Dafür laufen mechanische Verschlüsse logischerweise unabhängig von Batterien oder Akkus. Es gibt allerdings auch elektronisch gesteuerte Kameras, die eine mechanische Notzeit bieten.

Wechselsucher: Lichtschacht und Prisma

Für viele Fotografen ist die grosse Mattscheibe in Verbindung mit einem Lichtschacht der Hauptgrund, um ins Mittelformat zu wechseln. Der Systemgedanke beinhaltet nun, dass der Sucher nach Belieben gewechselt werden kann. Für die meisten Kameras gibt es den vom Kleinbildbereich her bekannten Prismensucher (oft mit Dioptrienausgleich für Kurz- oder Weitsichtige), mit dem man im 90 Grad-Winkel das Bild auf der Mattscheibe betrachten kann. Rechts ist dort immer rechts und links ist links.

Typisch hingegen für das Mittelformat ist eher der Lichtschacht. Dieser ermöglicht eine Betrachtung der Mattscheibe aus grossem Abstand von oben (geht bei 4,5x6 übrigens ohne Verrenkungen nur im Querformat) und schirmt das Seitenlicht ab. Der Blick von oben ermöglich übrigens oft auch interessante Schüsse aus Hüfthöhe, zumal das für fotografierte Personen oft weniger auffällig und aufdringlich wirkt als der "direkte" Blick durch den Prismensucher. Das Bild auf Mattscheibe erscheint weniger dreidimensional als im Prismensucher und entspricht so eher dem fertigen Foto.

Das Motiv wird zwar nicht (wie etwa beim Grossformat) auf dem Kopf abgebildet, aber seitenverkehrt. Rechts ist hier also links, und links ist rechts. Lichtschächte sind somit etwas gewöhnungsbedürftig, Anfängern sei hiermit die Verwendung eines Statives empfohlen. Als kleiner Trost braucht das Stativ dafür auch nicht so hoch zu sein wie bei der Verwendung eines Prismas.

Beliebt und bei jeder Kamera mit wechselbaren Suchern standardmässig dabei ist der Faltlichtschacht, der zusammengefaltet keinen Platz beansprucht und gleichzeitig die Mattscheibe vor Dreck und Staub schützt. Meistens lässt sich für die genaue Einstellung der Schärfe zusätzlich eine Lupe herausklappen - bei manchen kann man auch hier fehlende Dioptrien ergänzen. Darüber hinaus gibt es 45 Grad-Prismensucher, die den Einblick von schräg oben gestatten. Für Fotos aus der freien Hand sind sie in Verbindung mit einem Handgriff meist komfortabler als ein 90 Grad-Prisma.

Wechselmagazine: Filmrückteile, Polaroid/Sofortbild- und Digitale Backs

Im Kleinbildbereich ist der Film in einer Metalldose geschützt. Beim Einlegen öffnet man die Kamerarückwand und steckt den Filmanfang in eine Lasche, schliesst die Wand und transportiert den Film. Mit dem Rollfilm funktioniert das ähnlich. Vor allem die billigeren Mittelformat-Kameras besitzen Filmeinsätze. Dort wird der Anfang des Rollfilmes auf eine leere Spule gesteckt. Der Filmeinsatz wird dann in die Kamera geschoben und arretiert. Dann wird fotografiert, am Ende der Film ganz abgespult und dann der Filmeinsatz wieder herausgenommen. Wird der Einsatz in der Mitte des Filmes herausgenommen, passiert das gleiche wie im Kleinbildbereich: Der Film wird belichtet und die Bilder sind futsch.

Die Systemkameras hingegen bieten Tageslicht-Wechselmagazine. Darin steckt ebenfalls ein Filmeinsatz, aber durch das Magazin ist der Film jederzeit vor Licht geschützt. So kann mittem im Film ein Lichtschutzschieber vor das Magazin geschoben und dieses von der Kamera abgenommen werden. Später kann das Magazin wieder angesetzt und an der selben Stelle weiter fotografiert werden. Damit eröffnen sich einige Möglichkeiten.

Diafreaks beispielsweise können so mit Rückteilen umherreisen und je nach Motiv mit Velvia, Provia 400, Scala, E100VS oder RSX fotografieren. Anwender des Zonensystems können je nach Motivkontrast jederzeit den Film wechseln und hinterher getrennt entwickeln. Polaroid-Rückteile erlauben jederzeit Sofortbildschüsse und damit auch die bessere Kontrolle der Belichtung und des Bildaufbaues, sie können auch zur Motivation der Modelle noch vor dem eigentlichen Shooting dienen. Digitale Rückteile eröffnen den direkten und raschen Zugang zur elektronischen Bildverarbeitung, ohne den Umweg über Entwickeln und Scannen. Viele Kameras bieten Rückteile in anderen Formaten. So wird eine 6x6-Kamera zur 4,5x6-Kamera oder gar zur Panoramakamera 24x56mm auf Kleinbildfilm. Mehr dazu weiter unten. Rückteile für Kleinbildfilm (24x36mm) bieten die Möglichkeit, Filme zu verwenden, die nicht als Rollfilme erhältlich sind (etwa Kodachrome oder spezielle Infrarotfilme) Das Vorladen mehrer Filme ist möglich, daher rascherer Filmwechsel (diesen Vorteil bieten allerdings die Filmeinsätze generell).

Allerdings haben die Wechselrückteile auch Nachteile: Sie sind schwer und teuer. Gerade wenn man bedenkt, dass (bei 6x6) auf einen 120er-Rollfilm nur 12 Bilder passen, sollte man die Investition in ein Wechselrückteil überdenken. Wer Dias mit 3er-Belichtungsreihen (etwa -1, 0 und +1) macht, bekommt lediglich noch vier Motive auf einen Film. Bei ähnlichen Kauf- und Prozesskosten eines Rollfilms wie eines 36er-Kleinbildfilmes kann es bei niedrigem Filmverbrauch dann deutlich billiger sein, einfach halbvolle Filme bei Bedarf vorzuspulen und die restliche Filmfläche nicht zu benutzen.

Anstelle von Rückteilen kann sich auch eine zweite Kamera (etwa ein günstigeres, älteres Modell, das keine Wechselrückteile bietet) lohnen, die man mit einem anderen Film bestückt. Ein solches Zweitgehäuse ist natürlich auch dann ein Segen, wenn unterwegs die Hauptkamera plötzlich streikt.

Zu den Polaroid-Probeschüssen ist noch zu bemerken, dass sie nicht ganz billig sind (etwa vier Franken pro Bild) und das Handling ausserdem sehr gewöhnungsbedürftig ist. Wegen Überhöhe können sie bei vielen Kameras auch nicht gleichzeitig mit einem Prismensucher verwendet werden. Zu Digitalen Rückteilen ist derzeit (Ende 2001) zu sagen, dass die Preise auf dem Niveau eines teuren Mittelklasseautos liegen und die meisten Rückteile permanenten Stromanschluss sowie eine Verbindung zum Notebook brauchen.

Spiegelvorauslösung

Das Herzstück des SLR-Würfels ist der Spiegel. Er wirft das Bild auf die Mattscheibe und macht beim Auslösen blitzschnell Platz, damit das Licht auf den Film fällt. Da der Spiegel im Mittelformat grösser dimensioniert sein muss als im Kleinbildbereich, ist auch die bewegte Masse grösser. Somit ist die Gefahr von Erschütterungen beim Auslösen zwangsläufig grösser. Gleichzeitig ist aber auch die Kamera schwerer, was wiederum eher zur Stabilisierung beiträgt. Insofern ist die Nützlichkeit dieses Feature umstritten.

Bei vielen Mittelformatkameras ist der Spiegelschlag hervorragend gedämpft, auch wenn die Akkustik etwas anderes suggeriert. Das heisst, dass ein lauter Spiegelschlag nur bedingt auch starke Erschütterungen bedeutet. Bei Schlitzverschlusskameras kommt zum Spiegelschlag auf jeden Fall auch noch der Verschlussvorhang dazu, gerade bei Zeiten um die 1/60 und 1/30s kann sich das störend auf die Bildschärfe auswirken. Deshalb macht die Spiegelvorauslösung nur mit einem exzellenten Stativ, einem noch besseren Stativkopf sowie mit erschütterungsarmen Zentralverschlüssen wirklich Sinn. Dann lässt sich damit allerdings auch das letzten Quäntchen Schärfe einfangen.

Kurbel, Handgriff oder Motor?

Gleich zu Beginn: Ein Motor macht grosse und schwere Mittelformat-SLR-Kameras noch grösser und noch schwerer. Wer für Studiozwecke einen Motor möchte und die Kamera auch auf Reisen mitnehmen will, sollte darauf achten, dass der Motor abgenommen werden kann. Das spart Gewicht und Grösse im Rucksack. Kameras mit fest eingebautem Motor sind nur fürs Studio wirklich empfehlenswert.

Wer allerdings Bildfolgen von 7 Bilder pro Sekunde aus dem Kleinbildbereich gewöhnt ist, muss sich umgewöhnen: Die meisten Motoren im Mittelformat-Bereich schaffen zwischen 1-2 Bildern pro Sekunde. Ausserdem sind Motoren immer auch Batteriefresser. Der Normalfall im Mittelformat ist eine Kurbel rechts am Gehäuse. Damit wird der Verschluss gespannt und der Film weitertransportiert. Bei einigen Kameras wird der Verschluss auch separat gespannt. Wer rasche Bildfolgen machen will, sollte sich hier genau über sein Wunschmodell informieren.

Für viele Kameras ist ein Handgriff erhältlich, der vor allem in Verbindung mit dem Prismensucher (wegen der anderen Kamerahaltung bei einem 90 Grad-Einblick) ergonomisch sehr viele Vorteile bringen kann. Ein solcher Handgriff ("Schnellschaltgriff") ermöglicht meistens den Filmtransport mit einer Daumenbewegung. Die Frage ist vor allem, wo man die Kamera meistens betreibt. Auf dem Einbein mit Prisma ist ein Handgriff meist besser als die Kurbel, auf dem Dreibein mit Lichtschacht ist die Kurbel ergonomischer.

Manualfokus oder Autofokus?

Auch im Kleinbildbereich ist das fast schon eine Glaubensfrage. Allerdings ist heute die Auswahl an Manualfokuskameras im Kleinbildbereich sehr gering, und viele günstige Autofokusobjektive verfügen gar nicht mehr über einen richtigen Drehring zum manuellen Scharfstellen. Auch haben Autofokusobjektive bauartbedingt sehr kurze Einstellwege, damit der Motor rasch und ohne viel Kraft zum Ziel kommt - dies erschwert allerdings gleichzeitig ein händisches, genaues Scharfstellen.

Wer sich über sowas schon geärgert hat: Herzlich willkommen im Mittelformat. "Hier" gibt es noch richtige Objektive mit Schärfentiefen- und Entfernungsskalen, langen Einstellwegen und angenehm schwergängigen Schneckengängen. Die Stabilität des Bajonetts entspricht meistens dem Gewicht der Objektive - und und die Grösse der Filtergewinde leider auch der Lichtstärke und dem Bildkreis, Filter sind deutlich teurer als im 135er-Format. Standard bei den meisten Objektiven ist 67mm, einige Firmen benutzen auch eigene Filterbajonette.

Im Mittelformat ist Autofkus/Manuellfokus allerdings auch eine Geldfrage: Derzeit gibt es nur drei Modelle im Format 4,5x6 (Es gibt allerdings Gerüchte über eine Rollei 6008 Autofokus) mit automatischer Scharfstellung, die neu sehr teuer sind - das Gebrauchtangebot ist entsprechend klein. Auch sind die Objektive deutlich teurer als die Manualfokus-Varianten. Autofokus benötigen hauptsächlich Sport- und Tierfotografen mit langen Teles, um die Ausschussquote zu senken. Wer in diesen Bereichen Mittelformat verwendet, sollte genau wissen, was er tut.

Sport macht eigentlich kaum Sinn, und Tierfotografie ausserhalb von Zoos bedeutet einen hohen Transportaufwand. Gewicht und Grösse eines 500/8.0-Objektives bei 6x6 entsprechen etwa einem 600/4.0 bei Kleinbild (wohlbemerkt: bei deutlich kleinerem Abbildungsmasstab). Ausserdem liegen Erleichterungen wie AF-Preset (ein im voraus gespeicherter Schärfepunkt, der per Knopfdruck wieder angefahren wird) und Image Stabilizer (gleicht das Verwackeln des Fotografen aus und ermöglicht so schärfere Aufnahmen auch mit längeren Zeiten) im Mittelformat noch in weiter Ferne. Das Autofokus immer auch erhöhten Strombedarf bedeutet, versteht sich von selbst.

Positiv anzumerken ist allerdings, dass (im Gegenteil zu vielen Kleinbildkameras) derzeit bei allen AF-Modellen auch die alten manuellen Objektive weiter verwendet werden können - teilweise allerdings mit Einschränkungen bei der Belichtungsmessung. Wer also erst manuell einsteigen und mit einem gewissen Investitionsschutz später auf Autofokus umsteigen möchte, sollte zu Mamiya oder Pentax 4,5x6 greifen.

TTL-Blitzmessung und Automatikblenden

Im Kleinbild ist die TTL-Blitzmessung heute Standard in jeder Preisklasse, im Mittelformat meist nur bei teureren Modellen eingebaut. Die Technik: Der Blitz erhält den Startbefehl, blitzt, in der Kamera wird das vom Film reflektierte Licht TTL/OTF gemessen ("trough-the-lens, off the film") und der Blitz abgeklemmt, sobald genug Licht abgegeben wurde. Wenn im Blitzkondensator danach noch etwas Strom vorhanden ist, kann die Automatik folgern, dass nicht die gesamte Leistung verbraten wurde. Ergo hat die Belichtung gerreicht. Die Kamera kann mit einer grünen Leuchte im Sucher dann signalisieren, dass die Belichtung geklappt hat. Das klappt im Rahmen der Leistungsfähigkeit des Blitzgerätes und der Batterien bei jeder Entfernung und bei jeder Blende. Ist der Kondensator des Blitzes nach der Abgabe des Lichtes leer, hat das Licht folglich nicht für eine sichere Belichtung gereicht. Die Kamera kann das dem Anwender mit einer roten Leuchte mitteilen.

Im Mittelformat braucht es für die TTL-Blitzmessung oft einen zusätzlichen Adapter, der den Blitz steuern und abklemmen kann. Dieser wird meistens extern einerseits mit der Kamera und andererseits mit dem Blitz über jeweils ein Kabel verbunden. Das kann ziemlich abenteuerlich aussehen und ist meistens nicht besonders handlich. Am Blitz oder am Adapter kann man meistens die Filmempfindlichkeit einstellen oder gar eine Belichtungskorrektur eingeben. Dies ermöglicht beispielsweise, die Blitzleistung zu reduzieren und damit bei Tageslicht nur sanft aufzuhellen.

Eine Alternative (für Kameras ohne TTL-Blitzmessung oder für Leute mit Kabelsalat-Allergie) sind Blitzgeräte mit Automatikblenden ("Computerblenden"). Dabei stellt man am Blitz die am Objektiv eingestellte Blende ein. Ein Sensor am Blitzgerät überwacht dann die Leistungsabgabe und klemmt entsprechend den Blitz ab. Sozusagen TTS ("trough-the-sensor") statt TTL. Damit kann man auch Aufhellblitzen: Am Objektiv etwa Blende 5.6 und am Blitz Blende 4.0 wählen. Damit wird der Blitz früher abgeregelt und das Motiv wird subtil aufgehellt. Wer flexibel sein will, sollte auf jeden Fall einen Blitz mit einer grossen Auswahl an Automatikblenden kaufen. Im Zuge des TTL-Siegeszuges im Kleinbildbereich sind die Automatikblenden allerdings leider zu einem grossen Teil wegrationalisiert worden. Solche Automatikblitze können problemlos an jeder Kamera verwendet werden, entweder via X-Buchse oder Mittenkontakt. Vorsicht allerdings bei sehr alten Blitzen: Diese verwenden teilweise eine sehr hohe Zündspannung und können damit die Kameraelektronik beschädigen.

Theoretisch kann man natürlich auch jeden Blitz manuell betreiben und via Teilleistungsstufen oder mit der Objektivblende die Belichtung regeln. In der Praxis erweist sich dies jedoch meistens als unpraktisch. Viele Hochzeitsfotografen schwören deshalb auf die Blitz-TTL-Messung, weil sie damit ohne auf die Blende zu achten rasch und flexibel fotografieren können. Andere arbeiten seit Jahren mit Automatikblenden. Einen grossen Vorteil bietet die TTL-Messung vor allem bei Makroaufnahmen, etwa mit Zwischenringen und Balgengeräten. Dort ändert sich je nach Auszug die effektive Blende, das kann das Arbeiten mit Automatikblenden anstrengend machen - denn für eine genaue Belichtung muss der Blitz ja die genaue Objektivblende kennen. Beim Arbeiten mit professionellen Studioblitzanlagen hingegen nützt weder eine TTL-Blitzmessung in der Kamera noch eine Automatikregelung im Blitz etwas. Studioblitze regelt man mit einem Blitzbelichtungsmesser exakt auf die gewünschte Blende ein.

Wechselbare Mattscheiben

Standard im Mittelformat sind Einstellhilfen wie Schnittbild und Mikroprismen. Manche Fotografen fühlen sich dadurch aber auch gestört und wollen eine simple Klarscheibe, bei Teleobjektiven mit der dunklen Offenblende 8 hilft ein Schnittbild beispielsweise eh nicht mehr. Architekturfotografen achten auf gerade Häuser, Landschaftsfotografen auf den gerade Horziont - beiden kann eine Gittermattscheibe in Verbindung mit einer Aufsteck-Wasserwaage helfen. Auch Rückteile mit besonderen Formaten (etwa 24x54 auf 135er-Film) erfordern oft eine spezielle Einstellscheibe. Wer also spezielle Wünsche hat, sollte darauf achten, dass seine Kamera das Wechseln der Mattscheibe erlaubt - und dass die gewünschte Mattscheibe noch lieferbar oder gebraucht erhältlich ist.

Fremdhersteller bieten auch teure "superhelle" Scheiben an, die etwa zwei Blenden heller als herkömmliche Mattscheiben sind. In Verbindung mit einem Messprisma kann dies allerdings zu massiven Fehlmessungen kommen, weil die Sensoren oberhalb der Mattscheibe durch das anders gerichtete Licht irritiert werden. Wenn die Abweichungen linear sind, kann man dies mit der Belichtungskorrektur (oder einer Verstellung der Filmempfindlichkeit) ausgleichen. Moderne Klarscheiben sind jedoch in der Hinsicht leider oft unberechenbar.

Makroobjektive und Nahaufnahmezubehör (Nahlinsen, Balgengeräte und Zwischenringe)

Eine Detailseite zum Thema "Makro im Mittelformat" ist in Arbeit. Daher nur soviel: Ein Objekt der Grösse 24x36mm lässt sich mit Kleinbild-Kameras mit einem 1:1-Makroobjektiv formatfüllend abbilden. Im Mittelformat (beispiel 6x6) entspricht 1:1 hingegen 56x56mm. Durch das grössere Format landet man deshalb rasch bei hohen Abbildungsmasstäben, und damit auch bei Balgengeräten und Einstellschlitten. Dies sind jedoch Geräte, die für Anfänger nicht unbedingt empfehlenswert sind (gutes Stativ mit gutem Kopf erforderlich, Handling schwierig, Verlängerungsfaktoren, hauchdünne Schärfentiefe, und so weiter, und so fort...).

Da viele Makroobjektive im Mittelformat ohne Zubehör sowieso nur bis 1:4 abbilden können (was bei 4,5x6 einem Motiv der Grösse von etwa 17x22cm entspricht), enden Spontankäufe schnell im Frust. Hervorragend geeignet sind diese Objektive allerdings für angeschnittene Porträts. Normale Objektive im Mittelformat haben nämlich eine miserable Naheinstellgrenze, die etwa bei 1:10 endet. Das entspricht bei 6x6 einem Motiv von 60x60cm. Kleinere Objekte (wie etwa ein Kopf) können damit logischerweise nicht formatfüllend fotografiert werden. Hier kann ein Makroobjektiv ein gutes Werkzeug sein.

Wer weder Mühe noch Ausgaben scheut, kann natürlich auch im Mittelformat exzellente Makroaufnahmen zaubern. Dann sollte er aber unbedingt vor einem Kamerakauf das erhältliche Zubehör beachten und daran denken, dass etwa bei Zentralverschluss-Systemen meistens keine Fremdadaptionen möglich sind. Makroobjektive gehen höchstens bis 1:1, mit Balgen oder Zwischenringen meistens bis 2:1. Grössere Masstäbe bei guter Bildqualität erreicht man nur mit Vergrösserungsobjektiven am Balgen oder mit Normaloptiken in Retrostellung.

Panoramarückteile für Kleinbildfilm

Anstatt auf Rollfilm kann man damit etwa Fotos in der Grösse von 24x54mm (bei 6x6-Kameras) oder 24x64mm (bei 6x7-Kameras) auf Kleinbildfilm aufnehmen. Für die Motivwahl empfiehlt sich eine spezielle Einstellscheibe mit genauen Markierungen. Damit wird die volle Breite der 6x6 oder 6x7-Kamera ausgenützt, die Höhe aber entspricht der des Kleinbildfilmes (also 24mm). Das kann etwa in Verbindung mit einem Weitwinkelobjektiv interessante Panorama-Aufnahmen geben.

Natürlich kann man auch ein 6x6-Dia entsprechend schneiden (jedoch tut das vielen im Herzen weh) oder aus dem Negativ den entsprechenden Ausschnitt vergrössern - zumal ein solches Rückteil auch wieder viel Geld kostet. Es kann sich aber trotzdem rechnen, wenn man oft Panoramen fotografiert und nicht extra eine Panoramakamera kaufen möchte. Auf jeden Fall sollte man darauf achten, dass der Kleinbildfilm beim Entwickeln nicht automatisch auf 24x36 geschnitten wird - sonst sind die Panoramas futsch.

Zoomobjektive oder Festbrennweiten?

Zooms sind im Mittelformat eher die Ausnahme als die Regel, seit den 90er Jahren hat allerdings das Angebot an Zooms zugenommen. Zielgruppe sind eindeutig die Umsteiger aus dem Kleinbildbereich, die ein Zoom gewöhnt sind. Die Flexibilität im Brennweitenbereich kostet viel Geld und ist vom Gewicht und Umfang her nicht unbedingt reisetauglich - mehr als beim Kleinbild kommt hier der grosse Bildkreis und der Blendendurchmesser zum Tragen. Im Unterschied zum Kleinbild ist im Mittelformat auch der Zoomfaktor meistens auf zwei limitiert. Eine Entsprechung zum 28-300-Zoom wird man hier wohl (glücklicherweise) nie finden.

Ansonsten gelten die gleichen Pros und Contras wie im Kleinbildbereich: Weniger Lichtstärke im Vergleich zu Festbrennweiten und stärkere Verzeichnung. Auch bei der Schärfe und Brillanz kann ein Zoom aus physikalischen Gründen nie ganz mit einer Festbrennweite mithalten. Wer wegen der fantastischen Tonwerte sowie der Bildschärfe auf Mittelformat umsteigt, verschenkt diese Vorteile mit einem Zoom teilweise wieder. Und auch wenn es viele Leute nicht gerne hören: Zooms verführen gerade Anfänger gerne dazu, den Bildausschnitt sehr willkürlich festzulegen.

Lohnen sich Shift- und Tiltobjektive?

Shiftobjektive helfen in begrenztem Ausmass, stürzende Linien (etwa bei hohen Gebäuden) zu vermeiden. Besonders für Architekturfotos kann das äussert hilfreich sein, aber auch Bäume sehen nicht-stürzend oft besser aus. Horizontales Shiften kann bei spiegelnden Objektiven helfen, den Fotografen und die Kamera aus dem endgültigen Bild zu verbannen. Einige Objektive können auch getiltet werden, damit kann in gewissen Grenzen die Schärfeebene ausgedehnt oder verkürzt werden.

Obwohl die Möglichkeiten verlockend sind, der Umgang mit diesen Spezialoptiken ist nicht einfach. Ein Shiften ohne Gittermattscheibe, Stativ und Wasserwaage wird beispielsweise kaum befriedigende Resultate bringen. Zudem sind einige Shiftobjektive dafür berüchtigt, schon bei der halben Maximalverstellung deutlich zu Vignettieren (Randlichtabfall) und zu Verzeichnen (Gerade Linien werden gebogen). Ausserdem kostet ein Mittelformat-Shiftobjektiv meist gleich viel wie eine komplette gebrauchte Grossformat-Ausrüstung.

Im Grossformat sind die Verstellmöglichkeiten weitaus grösser und nebst Planfilm kann man damit auch Rollfilm belichten. Eine 5x7-inch Laufbodenkamera (etwa 9x12cm Negativformat) ist meistens handlicher als eine 6x6-SLR mit Shiftobjektiv, bedeutet aber immer auch Verzicht auf Motor, Prisma und ähnliche Annehmlichkeiten. Wer unbedingt im Mittelformat shiften will, kann auch mit einem günstigen Russenshift (nur bei Schlitzverschluss-Kameras) mit wenig Geld erste Schritte wagen. Über die Qualität der Optiken sollte man sich aber vorher gut informieren.

Marktübersicht

Zu den Herstellern von Mittelformat-SLR zählen: